Dieses Gedicht ist aus einem einfachen, aber drängenden Gedanken entstanden: Wir leben in einer Zeit, in der Kriege wieder allgegenwärtig sind.
Ich wollte Worte finden, die nicht nur den äußeren Krieg zeigen, sondern auch den inneren – die Muster, die uns trennen, obwohl wir uns im Kern so ähnlich sind.
Das Gedicht ist mein Versuch, einen anderen Blick zu öffnen: weg von Schuld und Sieg, hin zu Bewusstsein, Verbindung und Verantwortung.
Über Krieg
Durch die Tür könnten wir schreiten,
wenn wir es nur wollten.
Sie steht offen seit Anbeginn,
und doch marschieren wir daran vorbei.
Denn ich bin du
und du bist ich –
getrennt nur durch die Schatten
unserer Gedanken.
Die Geschichte wiederholt sich nicht,
sie reimt sich nur
in den alten Mustern des Egos,
das immer wieder Sieger sucht.
Wir lassen den anderen selten sein,
wie er ist.
Wir kleiden ihn
in Angst und Verdacht,
in Bilder,
die wir selbst gemalt haben.
Und dann erhebt sich
die alte Frage der Menschheit:
Was tun bei Gewalt?
Wie Jesus von Nazareth,
der die andere Wange zeigt?
Wie Mahatma Gandhi,
der mit leeren Händen
ein Imperium erschütterte? Oder doch:
Auge um Auge,
Zahn um Zahn –
bis, wie Gandhi sagte,
die ganze Welt blind geworden ist.
Vielleicht beginnt Weisheit
nicht im Sieg.
Vielleicht beginnt sie
im Erkennen.
Im Gehen,
wenn der Sturm keine Ohren mehr hat.
Im ruhigen Wort,
wenn noch ein Funke Zuhören bleibt.
Und wenn kein Weg mehr offen scheint,
im Schutz des eigenen Lebens –
nicht aus Hass,
sondern um das Dunkel
nicht weiter wachsen zu lassen.
Denn die Zeit vergeht
im Jetzt
wie ein Atemzug.
Und doch teilen wir weiter
die Welt in Gewinner und Verlierer
auf einer Erde,
die reich ist.
Unermesslich reich.
Reich an Möglichkeiten,
reich an Wegen,
reich an Türen,
die nicht Krieg heißen.
Man müsste nur sehen:
Wenn ich dich verletze,
verletze ich auch mich.
Wenn ich dich lasse,
wie du bist,
öffnet sich vielleicht
ganz leise
die Tür,
durch die die Menschheit
noch immer gehen könnte.
Roland

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