Traum zwischen Wurzel und Licht

Ich bin ein Baum.

Ich stehe seit vielen Jahren an diesem Ort, und doch bin ich kein Gefangener.

Meine Äste drehen sich, wenn das Licht mich ruft.

Mein Stamm neigt sich, wenn der Wind mich lehrt.

Ich bewege mich langsam, aber wahr.

Ich wachse nicht durch Schritte, sondern durch Hingabe.

Vor mir steht ein rosiges Haus.

Es ist kein gewöhnliches Haus.

Es ist ein Haus, das nur nachts erscheint, wenn die Welt still genug ist, um sich selbst zu hören.

Ein Haus, das nicht aus Stein besteht, sondern aus Geschichten.

Ein Haus, das den Menschen ruft.

Ich kann nicht hinein.

Doch ich sehe alles.

Das Haus, das den Menschen ruft

Der Mensch tritt durch die Tür, als würde er in sein eigenes Herz steigen.

Er geht nicht, weil er muss.

Er geht, weil etwas in ihm antwortet.

Ich sehe ihn Zimmer öffnen, die nach Kindheit duften.

Ich sehe ihn Wohnungen betreten, in denen alte Schatten atmen.

Ich sehe ihn Treppen hinaufsteigen, obwohl er weiß, dass die oberen Stockwerke dunkler werden.

Der Mensch ist ein Wanderer durch seine eigenen Räume.

Er sucht nicht Orte.

Er sucht sich selbst.

Ich frage den Wind:

Warum sucht ein Wesen freiwillig die Räume, die es fürchtet

Der Wind antwortet nicht.

Er legt sich nur in meine Krone, als wolle er sagen:

Der Mensch wächst anders als du.

Die Sprache des Baumes

Ich wachse in Jahresringen.

Der Mensch wächst in Geschichten.

Ich folge dem Licht.

Der Mensch folgt dem, was in ihm verborgen ist.

Ich bleibe, um zu werden.

Er geht, um zu sein.

Doch manchmal, wenn der Wind durch meine Zweige fährt, spüre ich etwas:

Der Mensch und ich sind nicht so verschieden.

Auch ich kenne Dunkelheit.

Auch ich kenne Licht.

Auch ich kenne das Zögern, bevor ich einen neuen Trieb wage.

Ich neige mich dem Licht zu.

Der Mensch neigt sich seiner Wahrheit zu.

Auch wenn es nur seine eigene ist. 

Beides ist ein Sinnbild des Seins. 

Das oberste Stockwerk

Es gibt eine Tür ganz oben.

Die letzte.

Die schwerste.

Ich sehe Menschen davor stehen.

Manche zittern.

Manche weinen.

Manche drehen sich um und gehen zurück.

Manche öffnen sie.

Wenn sie sie öffnen, verändert sich etwas in der Luft.

Ein Schatten löst sich.

Ein Licht wird sichtbar.

Ein Mensch wird ein wenig wahrer.

Ich spüre es in meiner Rinde, wenn jemand diese Tür öffnet.

Es ist wie ein Riss im Himmel, durch den ein neuer Morgen fällt.

Die Nacht, in der der Mensch stehen blieb

Eines Nachts kam ein Mensch, der anders war.

Er ging durch die unteren Zimmer wie durch Erinnerungen, die er lange getragen hatte.

Er stieg die Treppen hinauf wie jemand, der weiß, dass er nicht fliehen kann.

Er erreichte das oberste Stockwerk und blieb stehen.

Ich spürte sein Herz wie Wind in meinen Zweigen.

Ich spürte seine Sehnsucht wie Regen in meiner Rinde.

Ich spürte seine Angst wie Frost in meinen Wurzeln.

Er legte die Hand auf die letzte Tür.

Doch er öffnete sie nicht.

Er drehte sich um und ging hinunter.

Nicht aus Feigheit.

Sondern aus Klarheit.

Er hatte verstanden:

Nicht jede Tür muss geöffnet werden, um zu wissen, was dahinter liegt.

Nicht jede Geschichte muss gelebt werden, um zu erkennen, dass sie Teil des eigenen Weges ist.

Als er das rosige Haus verließ, war es kleiner.

Fast zart.

Wie ein Gedanke, der sich beruhigt hat.

Die Erkenntnis des Baumes

Ich bin ein Baum.

Ich kann mich drehen, aber nicht gehen.

Ich kann mich neigen, aber nicht fliehen.

Ich kann wachsen, aber nicht wählen.

Der Mensch aber –

er ist ein Wanderer durch seine eigenen Räume.

Er ist ein Besucher seiner eigenen Geschichten.

Er ist ein Bewohner eines Hauses, das er selbst baut.

Und doch, in der Tiefe, sind wir Brüder:

Ich wachse, indem ich bleibe.

Er wächst, indem er geht.

Ich suche das Licht.

Er sucht sich selbst.

Beides ist derselbe Weg.

Nur in anderer Form.

                      Rumo 


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